
Bereits eine Woche vor der offiziellen Wahl des ersten und bisher seit 16 Jahren einzigen belarussischen Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko gewinnt dieser mit 86,8% der abgegebenen Stimmen. Woher ich das bereits jetzt weiss? In dieser letzten Diktatur Europas ticken die Uhren noch anders. Folgende Hinweise kamen durch Besucher über die Grenze und über das Internet zu Tausenden von Exil-Weissrussen im Ausland:
- Eine sehr grosse Anzahl von Stimmen wurde bereits eine Woche vor der Wahl in Briefform abgegeben. Damit umgeht man wunderbar die internationalen Wahlkontrollen, die ohnehin völlig unzureichend sind. Keiner weiss, ob diese Stimmen jemal überhaupt tatsächlich abgesandt wurden
- Die Opposition, die es ja eigentlich nicht wirklich gibt, kommt auf einen Bekanntheitsgrad von knapp 5% in der Bevölkerung. Könnte das an den Medien liegen?
- Die Theatergruppe "Freies Theater Belarus" gibt es offiziell immer noch nicht in Belarus. Der Grund liegt darin, das wenn es in Belarus gegründet werden würde, es dort umgehend verboten (und drangsaliert) wäre. Aus diesem Grunde gründet man sich offiziell eben nicht und spielt weiterhin an tollen Spielorten in Europa und auf "Familienfeiern" in Minsk. Es lohnt sich auch ein Blick ins YouTube...
- Der Platz in der Innenstadt, an dem Demonstrationen "theoretisch" stattfinden könnten, ist nicht zufällig mit grossen Videoscreens ausgestattet (Big Brother is watching you). Auch das Steinpflaster wird bestens gepflegt und ist grundsolide. Aber gerade jetzt, kurz vor der Wahl, hat man die gesamte Fläche mit Wasser übergossen und eine Eisfläche und einen künstlichen Riesentannenbaum angelegt. Demonstrieren kann man schliesslich auch auf dem Lande
- Schliesslich muss Herr Lukaschenko die Wahl gewinnen, da sein jüngster Lieblingssohn, den er regelmässig bei offiziellen Besuchen mitnimmt und vorstellt, für eine Machtübernahme noch zu jung ist. Erst kürzlich hat der Vater sogar offiziell sein Geburtsdatum auf das seines Sohnes umgeschrieben.
Als Bürger ist man in diesem Land machtlos und man macht alles geduldig und mit einem (unkommentiertem) Lächeln mit. Irgendwie erinnert mich das sehr an die Buchmenschen aus Fahrenheit 451, die ja schliesslich auch in den Wald gehen und "als ungeschriebenes Buch überleben" und soweit ganz glücklich sind. Tatsächlich hat man den Eindruck, es gäb in diesem Land nur glückliche Menschen. Jedenfalls sieht es auf den Plakaten in der Stadt Minsk so aus.
Offiziell gibt es in Belarus keine Arbeitslose, Alkoholiker, Drogenabhängige oder Selbstmörder. Staatstragende Propaganda und Parolen findet man dagegen an jeder Ecke. Die Stadt ist sehr sauber, denn Arbeitslose (äh ich meinte natürlich staatsoffiziell "Wanderarbeiter") dürfen für umgerechnet einen Euro pro Tag in Reinigungs- und Reparaturgruppen eingesetzt werden.
Wo sind die 2 Millionen Menschen in Minsk? Die Masse bleibt lieber zu Hause bei der Familie oder im Internet. "Zone des Schweigens" könnte man Belarus deshalb auch nennen. Und so nennt sich auch ein Stück des Belarus Free Theatre.
Dabei hat das Land und seine Bürger so viel zu bieten. Eine grosse Herzlichkeit, die Liebe zur Natur und ein wissenschaftlich fleissiges Gemüt. Aus verlässlicher Quelle weiss ich, dass es in diesem Land eine grosse Zahl talentierter Leute im IT und Online Business gibt. Eines Tages wird eben die Demokratie, wie auch im Sieg des Wikileaks über die Geheimdienste der USA, über den Computer zu den Menschen kommen. Dann wird endlich jemand George Orwells "1984" neu schreiben dürfen.